verlängerte Version für Militär- und Polizeiverträge
Die FN 1910/22 ist eine Weiterentwicklung der kompakten FN 1910, die John Moses Browning für Fabrique Nationale (FN) in Herstal entworfen hatte. Während die 1910 primär als zivile Taschenpistole konzipiert war, entstand Anfang der 1920er Jahre eine Nachfrage von Militär und Polizei nach einer etwas größeren Pistole mit längerer Visierlinie und höherer Magazinkapazität. FN reagierte darauf mit der Modèle 1910/22 (manchmal auch als „1922“ bezeichnet).
Technische Daten
- Kaliber: 7,65 mm Browning (.32 ACP) oder 9 mm kurz (.380 ACP)
- System: Rückstoßlader mit feststehendem Lauf, Rückholfeder um den Lauf
- Magazin: 8 Schuss (7,65 mm) bzw. 7 Schuss (9 mm kurz)
- Lauflänge: 113 mm (statt 88 mm bei der FN 1910)
- Gesamtlänge: 178 mm (statt 153 mm)
- Visierung: längere Visierlinie, einfache feste Kimme/Korn
- Sicherungen: wie bei der FN 1910 → Griffsicherung, Magazinsicherung, manuelle Sicherung
- Ergonomie: Längerer Griffrahmen für das größere Magazin
Historische Einordnung
- 1922: Einführung, zuerst für die serbische Gendarmerie entwickelt (daher auch „Serbien-Modell“ genannt).
- 1920er–1930er: Erfolgreich an zahlreiche Länder exportiert (Jugoslawien, Griechenland, Rumänien, Niederlande, Türkei, Dänemark, Litauen, Frankreich u. a.).
- Zweiter Weltkrieg:
• Weit verbreitet in europäischen Polizeikräften.
• Produktion bei FN Herstal lief unter deutscher Besatzung weiter.
• Beutewaffen im deutschen System als „Pistole 622(b)“ bezeichnet. - Nachkriegszeit: Weiterhin bei Polizei- und Militärbehörden bis in die 1950er Jahre genutzt.
Bewertung
Die FN 1910/22 war eine pragmatische Lösung: gleiche Technik wie die 1910, aber mit längerer Laufausführung und einem Magazin mehr. Sie erfüllte den Wunsch vieler Polizeibehörden nach einer diensttauglicheren Pistole und wurde zu einem der erfolgreichsten Exportprodukte von FN in der Zwischenkriegszeit.
Rechtliche Einordnung (Deutschland)
- WBK-pflichtig, Kurzwaffe im Kaliber 7,65 mm Browning oder 9 mm kurz.
- Sportlich nutzbar, beide Kaliber sind in Sportordnungen zugelassen.
- Jagdlich unbrauchbar, da die Mündungsenergie zu gering ist (<200 J).
- Sammlerrelevanz: Besonders interessant wegen der Vielzahl nationaler Abnahme- und Eigentumsmarken.
Sammlerperspektive
Die FN 1910/22 ist wegen ihrer breiten Verbreitung und der Vielfalt von Markierungen und Varianten ein sehr beliebtes Sammlerobjekt.
| Variante | Zeitraum | Besonderheiten | Sammlerwert |
|---|---|---|---|
| Frühe Exportmodelle | ab 1922 | Markierungen für Serbien, Griechenland, Türkei etc. | Sehr gesucht, besonders mit originaler Holster- und Abnahmemarkierung |
| Zwischenkriegszeit (1930er) | 1930–1939 | Diverse Verträge, u. a. Niederlande, Litauen, Rumänien | Mittel bis hoch, je nach Seltenheit des Abnehmers |
| Deutsche Besatzungsfertigung | 1940–1944 | Deutsche Abnahmestempel „WaA613“ oder „WaA140“; Bezeichnung Pistole 622(b) | Sehr gesucht, Vorsicht vor nachträglichen Stempeln |
| Nachkriegsmodelle | ab 1945 | Produktion fortgesetzt; oft polizeiliche Verwendung in Belgien, Frankreich, Niederlanden | Günstiger, aber historisch interessant |
| Kommerzielle Varianten | gesamte Produktionszeit | Zivile Ausführung ohne Abnahmezeichen | Weniger gefragt, Einstieg für Sammler |
Fälschungsrisiko: Besonders bei deutschen Besatzungsstempeln – nachträgliche „WaA“-Markierungen sind häufig.
Fazit
Die FN 1910/22 ist die „diensttauglichere Schwester“ der FN 1910. Mit ihrer längeren Bauweise, höherer Magazinkapazität und der weiten internationalen Verbreitung bietet sie ein besonders interessantes Feld für Sammler. Jede nationale Abnahme – ob jugoslawische, niederländische oder deutsche – erzählt ihre eigene Geschichte.
