Mit der Besetzung Belgiens im Mai 1940 fiel auch das traditionsreiche Werk der Fabrique Nationale d’Armes de Guerre (FN) in Lüttich in deutsche Hände. Anders als in Frankreich, wo die Wehrmacht erbeutete Rüstungsbetriebe vielfach auf die Fertigung eigener Waffen (Karabiner 98k, MG 34/42) umstellte, nutzte man bei FN die bereits angelaufene Produktion der Pistole GP35 „High Power“. Sie wurde unter der Bezeichnung Pistole 640(b) in den deutschen Waffendienst übernommen. Zwischen 1940 und 1944 entstanden etwa 325.000 Stück, womit sie eine der bedeutendsten Fremdfertigungen für die deutsche Wehrmacht darstellt.
Versuchsaufbau und technische Entwicklung (nach Ian McCollum, Forgotten Weapons)
US-Waffenhistoriker Ian McCollum hat im Rahmen seiner Untersuchung zwei typische Besatzungsmodelle vorgestellt, die exemplarisch den Wandel von der frühen Kriegsfertigung bis hin zur späten Notproduktion dokumentieren.
- Frühe Phase (1940–1941):
• zunächst Beschlagnahmung fertiggestellter belgischer Armeepistolen ohne deutsche Abnahmestempel
• anschließend Montage von Pistolen aus bereits vorhandenen Teilen
• deutsche Neuproduktion begann ab Seriennummer 50.000, um Überschneidungen mit belgischen Nummern zu vermeiden
• alle ursprünglichen Merkmale erhalten: Schulterstützenfräsung, 500-m-Tangentenvisier, Holzgriffschalen, Magazinsicherung - Mittlere Phase (1942–1943):
• Vereinfachungen: Wegfall der Schulterstützenfräsung (ab Dezember 1940), später auch des Tangentenvisiers (ab ca. Nr. 140.000, Dezember 1942)
• Inspektionsstempel der deutschen Heeresabnahmestelle („Waffenamt“ mit Nummern 613, 103 oder 140) auf Pistolen und Magazinen
• Fertigungsqualität weiterhin hoch, wenngleich steigender Druck auf Stückzahlen - Späte Phase (1943–1944):
• Umstellung der Seriennummern auf deutsche Systematik mit Buchstabensuffix (z. B. „1A“ bis „99999A“, danach „1B“)
• Wegfall der Magazinsicherung zur Produktionsvereinfachung
• Griffschalen aus Bakelit (ab ca. 1943/44), leicht versetzte Schraubenlage → nicht mit Holzgriffen austauschbar
• Materialknappheit, grobere Bearbeitung, zunehmende Sabotage durch belgische Arbeiter: falsche Wärmebehandlung, Toleranzfehler oder absichtliche „Luxusfertigung“, die Zeit und Kapazität band
Mit der Befreiung Lüttichs im September 1944 endete die deutsche Produktion. Noch im selben Jahr fertigte FN aus Restteilen improvisierte Pistolen („Liberation High Powers“) für alliierte Soldaten, bevor in der Nachkriegszeit die reguläre Fertigung wieder aufgenommen wurde.
Bewertung und Bedeutung
Die Pistole 640(b) zeigt exemplarisch den Weg von der hochwertigen Vorproduktion bis hin zur kriegsbedingten Notmaßnahme. Für die Wehrmacht war sie ein willkommener Ersatz: Sie verschoss die Patrone 9 mm Luger (9 mm x 19) und konnte damit ohne logistische Probleme neben P.08 und P.38 eingesetzt werden. Es gab keine feste Zuweisung an bestimmte Truppenteile – sie gelangte gleichermaßen in die Hände von Heer, Luftwaffe und Waffen-SS.
Rechtliche Einordnung (Deutschland)
Nach deutschem Waffenrecht (WaffG) handelt es sich bei der FN High Power um eine Kurzwaffe in Zentralfeuerzündung.
- Zivile Nutzung: Erwerb nur mit Waffenbesitzkarte (WBK), sportlicher Einsatz möglich, sofern die Disziplin in der Sportordnung anerkannt ist (z. B. 9 mm Luger in DSB/BDMP).
- Jagd: Für Fangschüsse mit Kurzwaffen gilt nach BJagdG die Mindestenergie von 200 J; diese wird von der 9 mm Luger (üblich 450–600 J) deutlich überschritten. Damit ist die High Power grundsätzlich jagdlich einsetzbar, wenngleich Kurzwaffen im Revier in der Praxis selten genutzt werden.
- Führen: Nur mit Waffenschein erlaubt – in der Praxis auf Berufswaffenträger beschränkt.
- Sammler: Besonders die verschiedenen Fertigungsvarianten (mit/ohne Schulterstützenfräsung, Tangentenvisier, Abnahmestempel, Bakelitgriffe) sind für historisch-technische Sammler von hoher Relevanz. Vorsicht ist bei Fälschungen geboten: Originale Beutewaffen ohne deutsche Abnahme sind oft seltener und wertvoller als nachträglich „aufgestempelte“ Exemplare.
Sammlerperspektive
Die deutschen Besatzungs-High-Powers sind ein klassisches Sammelgebiet, da sie innerhalb weniger Jahre eine Vielzahl von Varianten hervorbrachten. Entscheidende Unterscheidungsmerkmale sind:
- Seriennummernbereich und Systematik (40.000–210.000, danach mit Buchstabensuffix)
- Vorhandensein oder Wegfall von Schulterstützenfräsung und Tangentenvisier
- Art der Griffschalen (Holz vs. Bakelit)
- Waffenamtsnummern der Abnahme (613, 103, 140)
- Fertigungsqualität (von hochglänzend bis grob bearbeitet)
Die Kombination aus militärhistorischer Bedeutung, technischer Qualität und Variantenreichtum macht die Pistole 640(b) zu einem Kernstück jeder Sammlung deutscher Besatzungswaffen.
Abnahmestempel der Pistole 640(b) (FN High Power unter deutscher Besatzung)
| Waffenamt-Nummer | Zeitraum der Verwendung | Seriennummern-Bereich | Besonderheiten / Produktionsmerkmale | Sammlerrelevanz |
|---|---|---|---|---|
| WaA 613 | 1940 – ca. 1941 | ab 50.000 bis etwa 70.000 | Erste deutsche Neuproduktion nach Belgien-Kapitulation. Alle ursprünglichen Merkmale: Schulterstützenfräsung, Tangentenvisier, Holzgriffschalen, Magazinsicherung. | Sehr gesucht, da frühe deutsche Fertigung. |
| WaA 103 | ca. 1941 – 1942 | ca. 70.000 – 100.000 | Übergangsphase, immer noch hohe Fertigungsqualität. Schulterstützenfräsung entfällt ab Ende 1940. Tangentenvisier noch vorhanden. | Seltenere Übergangsmarkierung, daher sammlerisch besonders interessant. |
| WaA 140 | ca. 1942 – 1944 | ab 100.000 bis Kriegsende (inkl. A/B-Serien) | Vereinfachungen: Wegfall des Tangentenvisiers (ab ~140.000), später Bakelitgriffschalen, keine Magazinsicherung. Qualität zunehmend grob, Sabotagefälle dokumentiert. | Am häufigsten, aber wegen der Variantenvielfalt (Visier, Griffe, Seriennummernsystem) dennoch ein komplexes Sammelgebiet. |
Sammlerhinweis:
- Originale belgische GP35 mit rein belgischen Beschusszeichen (ohne deutsche Stempel) und belegbarer Wehrmachtnutzung sind oft seltener und wertvoller als nachträglich „aufgewaffnete“ Pistolen mit gefälschten Abnahmemarken.
- Besonders begehrt sind frühe Stücke mit WaA 613, da sie der direkten Umstellung auf deutsche Produktion entstammen.
- Spätkriegswaffen mit WaA 140 bieten die größte Bandbreite an Varianten (Visierarten, Griffmaterialien, Fertigungsqualität) und sind für Systematiksammler attraktiv.
Fazit
Die FN High Power unter deutscher Besatzung dokumentiert eindrucksvoll, wie eine moderne Konstruktion unter Kriegsbedingungen angepasst, vereinfacht und schließlich auf Verschleiß gefahren wurde. Praktisch blieb sie eine leistungsfähige Ordonnanzpistole im Standardkaliber 9 mm Luger. Für den heutigen Schützen ist sie weiterhin sportlich und jagdlich nutzbar, wenngleich dies streng nach deutschem Waffenrecht geregelt ist. Für den Sammler jedoch entfaltet die Pistole 640(b) ihren größten Wert: als Spiegelbild einer Epoche, in der Fertigungsqualität, Zwangsarbeit und militärischer Bedarf in ein einzigartiges Spannungsfeld gerieten.
Hinweis/Quelle:
Analyse auf Grundlage des Vortrags von Ian McCollum (Forgotten Weapons, April 2025) https://www.youtube.com/watch?v=NyOOt7XxneI, ergänzt um deutsche waffenrechtliche Bewertung. Alle Tests und Darstellungen beziehen sich auf die historische Situation in den USA bzw. Belgien; rechtliche Einschätzungen gelten für den deutschen Kontext.